Dienstag, 14. April 2009

Solidarität mit Samieh Jabbarin



Weil er gegen Israels Krieg in Gaza protestierte, wurde der Theaterregisseur Samieh Jabbarin verhaftet. Seit zwei Monaten lebt er unter Hausarrest in Jaffa. Pickelhering bittet seine Leserinnen und Leser, die Solidaritätserklärung mit Samieh zu unterzeichnen.
Solidaritätserklärung:
Hausarrest als Mittel der politischen Gängelung: Der Fall des Theaterregisseurs Samieh Jabbarin

Der auf unbegrenzte Zeit verhängte Hausarrest gegen den Theaterregisseur Samieh Jabbarin aus Jaffa ist ein Beleg für die verschärfte Schikanierung von Bürgern, die ihre politischen Ansichten auf demokratischem Weg zum Ausdruck bringen wollen. Sein Fall wirft ein grelles Licht auf die enge Zusammenarbeit zwischen den israelischen Sicherheitskräften, der Polizei und der Staatsanwaltschaft. Es wird hier der Versuch unternommen, einen friedliebenden und sozial engagierten politischen Aktivisten unter dem Vorwurf der Gewalttätigkeit zu inkriminieren. Die Gerichte haben dem leider keinen Riegel vorgeschoben.

Die Tatsachen

Samieh Jabbarin, 41 Jahre alt, geboren in Um al Fahm und israelischer Staatsbürger, arbeitet als Theater- und Filmregisseur. Er erhielt seine professionelle und akademische Ausbildung in Deutschland und macht derzeit seinen Master am Fachbereich für Theaterwissenschaften an der Universität Tel Aviv. Nach seiner Rückkehr in sein Heimatland zog er nach Jaffa, wo er sich unter anderem an der Bewegung gegen die derzeitige Welle von Vertreibungen arabisch-palästinensicher Bewohner engagiert. Samieh ist auch an der Bewegung Abna al Balad (Söhne des Landes) beteiligt und war Mitorganisator der letztjährigen Konferenz über das Rückkehrrecht und einen säkularen und demokratischen Staat. Letzten Dezember half er, öffentliche Trauerkundgebungen und gewaltlose Proteste gegen die israelische Offensive in Gaza zu organisieren.

Im Januar 2009 wurde er von den Sicherheitskräften gewarnt, sie würden Mittel und Wege finden, ihn für seine politischen Aktivitäten zu bestrafen. Die Gelegenheit dazu bot sich anlässlich der Parlamentswahlen am 10. Februar. Eine Gruppe extrem rechter Fanatiker hatte ihre Absicht erklärt, den Urnengang in Um al Fahm, der zweitgrößten arabischen Stadt in Israel, als offizielle Wahlbeobachter zu überwachen. Samieh beteiligte sich zusammen mit anderen Einwohnern seiner Heimatstadt an einer Protestdemonstration. Sie hatten sich gerade versammelt, als er zusammen mit anderen Bewohnern verhaftet wurde. Mit beispielloser Eile wurde gegen ihn gleich am nächsten Tag vor dem Gericht von Hadera Anklage erhoben. Der
Vorwurf lautete: Übergriff auf den Grenzschutz-Kommandeur der Nordgrenze, Uri Mor-Yossef.

Alle Versuche, diese offensichtlich falsche Anschuldigung zu entkräften, blieben erfolglos. Es ist allerdings ein offenes "Geheimnis", dass die israelische Polizei alle Demonstrationen und Verhaftungen auf Video aufnimmt. In diesem Fall wurde jedoch - abgesehen von der Stellungnahme des betreffenden Polizeibeamten - kein Beweismaterial zur Verfügung gestellt. Samieh wurde 17 Tage unter üblen Bedingungen im Gefängnis Kishon festgehalten und danach, in der Folge einer Gerichtsverhandlung, unter Hausarrest im elterlichen Haus in Um al Fahm gestellt. Zwei Familienmitglieder müssen ihn ständig begleiten und eine elektronische Fußfessel wurde an sein Fußgelenk angebracht. Offiziell bleibt die Maßnahme "bis Ende der Gerichtsverhandlungen" in Kraft. Diese Verhandlungen sind allerdings auf seltsame Weise ins Stocken geraten. Im Gegensatz zu der enormen Eile, mit der die Anklage erhoben wurde, zeigt das System keine Eile, das staatsanwaltliche Beweismaterial im Rahmen einer öffentlichen Anhörung preiszugeben. Die Staatsanwaltschaft "hatte vergessen", Samieh und seinen Rechtsanwälten die Anklage zu überreichen. In der Folge musste ein neuer Termin für den 27. April anberaumt werden. Und wer weiß, wie viele Monate noch bis zum eigentlichen Prozesstermin vergehen werden.

Auf diese Weise wird Samieh Jabbarin jeglicher Zugang zu seiner kreativen Arbeit, seinem Studium und seinem gewöhnlichen Tagesgeschäft verwehrt. Sein Schicksal soll auch andere sozial und politisch engagierte Menschen einschüchtern. Wir appellieren an alle Menschen, die demokratischen Grundwerten verpflichtet sind, ihre Stimme zu erheben und ein Ende dieser bedauernswerten Affaire einzufordern. Wie müssen die fragwürdige Methode falscher Anschuldigungen und Polizeifallen zur Gängelung von politischem Widerstand anprangern. Dieses Appell richtet sich an:
  • Bühnen-, TV- und Filmkünstler in Israel und im Ausland

  • Journalisten der Druck- und elekronischen Medien

  • Menschen, die im Kultur- und Bildungsbetrieb an prominenter Stelle arbeiten

  • Rechtsanwälte und andere Menschen, die auf dem Gebiet der Justiz arbeiten

  • Menschenrechtsaktivisten in aller Welt

  • Bürger, die sich noch um die Demokratie sorgen, wo auch immer sie sich befinden mögen
Wir sind aufgefordert, uns für die Rede- und Versammlungsfreiheit und das Recht auf gewaltlose politische Betätigung von Samieh Jabbarin und allen anderen Bürgern Israels, Juden wie Arabern gleichermaßen, einzusetzen. Es ist unvorstellbar, dass kritisches Denken und gewaltloser Widerstand mit dem Vorwurf der Gewalt, mit Verhaftungen und massiver Einschüchterung bestraft werden.

(Aus dem Englischen von David Paenson)

Mehr Information im Internet:

  • Solidaritätserklärung online unterzeichnen (Erklärung zum Online-Formular: Trage ins 1. Feld deinen vollen Namern ein (keine Umlaute, kein 'ß'). Trage in das 2. Feld deinen Wohnort ein (ohne PLZ). In das 3. Feld muss die E-Mail-Adresse eingetragen werden (wird nicht veröffentlicht). Diese drei Felder sind obligatorisch. Die nächsten beiden Felder bitte freilassen. In das große rechteckige Feld kannst du einen Kommentar eintragen. Klicke zuletzt den rosa Button (siehe unten), um deinen Eintrag zu veröffentlichen:
    Zur Solidaritätserklärung

  • Solidaritätserklärungen bitte an: friendsofsamieh [ät]
    gmail.com
>>Weiter im Takt...

Freitag, 3. April 2009

Proteste beginnen: Nein zur NATO - Nein zum Krieg



Während die NATO ihr 60-jähriges Bestehen feiert, beginnen auch die Proteste gegen den derzeit tagenden Gipfel des Militärbündnisses. Pickelherings Redaktionskollege Yaak Pabst über die Aktionen der Friedensbewegung.
Die NATO feiert heute und morgen ihr 60-jähriges Bestehen. Anlässlich des Gipfels des Militärbündnisses hat die Friedensbewegung zu Protesten bis einschließlich Sonntag aufgerufen. Diese bestehen aus einer Demonstration am morgigen Samstag, einer internationalen Konferenz, einem Widerstands-Camp sowie Aktionen des zivilen Ungehorsams.

Für den Protest gibt es gute Gründe: Die NATO steht für eine kriegerische Welt. Sie soll als Instrument imperialer Interessen gefestigt werden und wird momentan mit Hochdruck zu einem offensiven Kriegs- und Besatzungsbündnis ausgebaut.

Ersteinsatz von Atomwaffen

Westliche Regierungen heizen damit nicht nur die weltweite Aufrüstungsspirale an. Die "neue" Grundrichtung steht in einem 150-seitigen Papier, das von fünf hochkarätigen NATO-Strategen, unter ihnen der deutsche General a.D. Klaus Naumann, verfasst worden ist. Einige Negativ-Highlights: Die NATO soll die atomare Präventivschlagstrategie der US-Regierung übernehmen, namentlich um gegen ein mögliches iranisches Atomprogramm vorzugehen.

Es ist eine groteske Logik: Eine weitere Verbreitung von Atomwaffen soll durch deren Ersteinsatz verhindert werden. So steht es Schwarz auf Weiß: "Die Gefahr einer weiteren Verbreitung von Atomwaffen ist akut. (...) Der Ersteinsatz von Nuklearwaffen muss im Arsenal der Eskalation das ultimative Instrument bleiben um den Einsatz von Massenvernichtungswaffen zu verhindern."

Teure Aufrüstung

Diese Strategie gibt es nicht umsonst: Mehrere Milliarden Euro werden für die "Neuausrichtung der NATO" bereitgestellt. Geld welches für Soziales und Bildung fehlt.

Beim letzten NATO Gipfel in Bukarest haben sich die NATO-Staaten auf den Aufbau eines Raketenabwehrschirms geeinigt. Die regierungsnahe Stiftung Wissenschaft und Politik ist in einer Studie zum Ergebnis gelangt, dass ein umfassendes Raketenabwehrsystem "40 Milliarden Euro oder mehr" kostet. Nach den bisher praktizierten Umlagemodellen könnte sich allein der deutsche Beitrag auf 7,2 Milliarden Euro belaufen.

Achillesferse Afghanistan

Es ist möglich, zu verhindern, dass solche Pläne Realität werden. Die NATO hat eine Achillesferse, die ihre Existenz bedroht: Afghanistan. Dort stehe "die Glaubwürdigkeit der NATO auf dem Spiel (...) Die NATO steht am Scheideweg und droht zu scheitern", so der frühere niederländische Oberkommandierende Henk van den Bremen, Co-Autor des Naumann-Papiers.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel läßt daran keinen Zweifel. Ihrer Meinung nach müsste der Krieg in Afghanistan unter allen Umständen erfolgreich beendet werden, denn er sei der "Lackmustest für ein erfolgreiches Krisenmanagement und für eine handlungsfähige NATO."

Scheitert die NATO in Afghanistan - und vieles spricht derzeit dafür -, so hat sich jeder weitere ähnlich geartete Kriegseinsatz auf Jahre hinaus erledigt. Hierin liegt ein Hauptgrund, weshalb trotz der dramatischen Eskalation so krampfhaft an diesem Einsatz festgehalten wird.

(Erstveröffentlichung auf www.marx21.de)

Mehr im Internet:
  • Thomas Trueten vor Ort: Bombenwetter in Strasbourg

  • Afghanistan: Mehr Bombentote als je zuvor - Rechtzeitig zum NATO-Gipfel legen zehn Hilfsorganisationen eine Bilanz des Kriegs in Afghanistan vor. Resultat: Noch nie starben so viele Afghanen bei Luftangriffen wie 2008

  • Interview: Die NATO will mehr Krieg in Afghanistan - Pickelhering und Yaak Pabst haben mit Jürgen Wagner von der "Informationsstelle Militarisierung" über die aggressive Expansion der NATO, die Gefahr einer neuen Blockkonfrontation und über die große Bedeutung des Afghanistankrieges für das Militärbündnis gesprochen.
>>Weiter im Takt...