Donnerstag, 12. November 2009

Besser als die Hölle

Jonathan Neale: »Der Afghanistankrieg. Eine Kritik der Besatzung und Perspektiven für den Frieden«, Edition Aurora, Frankfurt/M. 2008
Lesetipp: Bevor es besser werden kann, muss es erst einmal schlimmer werden. Nach diesem grausamen Motto handeln derzeit die NATO-Kräfte in Afghanistan. Mit militärischen Offensiven sollen die Taliban geschlagen werden. Das hoffen zumindest die Besatzer. Auch die neue Bundesregierung sieht dazu keine Alternative. Dennoch ist es Irrsinn, der einer Menge Afghanen das Leben kosten wird.

Eine Eskalation des Krieges zu verhindern und Frieden, Wohlstand und Freiheit für alle Afghanen zu erreichen, ist nicht leicht. Dennoch ist es möglich. Das meint der in London lebende Sozialist und Friedensaktivist Jonathan Neale. In seiner Broschüre »Der Afghanistankrieg« liefert er die Argumente.
Die Broschüre: Jonathan Neale: »Der Afghanistankrieg. Eine Kritik der Besatzung und Perspektiven für den Frieden«, Edition Aurora, Frankfurt/M. 2008, 40 Seiten, 3,- Euro. Bestellen bei: edition.aurora [ ät ] yahoo.de

Neale hat zwischen 1971 und 1973 als Anthropologe in Afghanistan gelebt und geforscht. Sein Blick auf das Land am Hindukusch ist geprägt von der Begegnung mit den einfachen Bauern, die er kennengelernt hat. Deren Leben ist in den letzten 30 Jahren vor allem von verschiedenen Kriegen bestimmt worden, die die ohnehin bittere Armut noch verschärft haben. Es »gibt kaum jemanden, der nicht einen nahen Verwandten oder Freund verloren hat«, so der Autor.

Neale spannt einen weiten Bogen von den Anfängen des »dreißigjährigen Krieges« bis zur aktuellen Besatzung, beschreibt die treibenden gesellschaftlichen und politischen Kräfte und deren Motive. Daraus entwickelt er ein Bild der Sackgasse, in der die Besatzer derzeit stecken. Doch warum profitieren gerade die Taliban vom Hass auf die ausländischen Truppen? Neales Antwort: Sie sind die einzige organisierte Kraft, die die Besatzung von Anfang an abgelehnt haben – im Gegensatz zur Mehrzahl der Linken und liberalen Kräfte im Land. Dies habe eine unselige Tradition.

Vor dem sowjetischen Einmarsch 1979 hatten Linke bereits das Vertrauen durch ihr diktatorisch-gewalttätiges Vorgehen vor allem gegen die Landbevölkerung gründlich verspielt, nachdem sich die Kommunisten 1978 an die Macht putschten. Nach dem Einmarsch stellten sie sich auf die Seite der Besatzer. Neales Fazit: »Afghanistan ist einer der wenigen Orte der Welt, in dem sich Progressive und die Linke durchweg auf die Seite des brutalen imperialistischen Massenmords geschlagen haben. Das ist der Grund für die Stärke der Rechten in Afghanistan.«

Neales kenntnisreiche Schilderung der Lage in Afghanistan ist die große Stärke seiner Broschüre. Zu knapp fällt jedoch der letzte Teil aus, in dem es um »Perspektiven für den Frieden« geht – wie der deutsche Untertitel des Textes verspricht. Das ist allerdings den Übersetzern anzulasten, denn im englischen Originalaufsatz existiert dieser Untertitel nicht. Neale hatte hier wohl eher einen allgemeinen Ausblick im Sinn. Er schreibt, dass sich den Afghanen »kein einfacher Ausweg« anbiete. Der beste sei allerdings »ein Sieg des Widerstandes« – das heißt: ein vollständiger Abzug der Besatzungstruppen. »Eine Koalitionsregierung (der in Afghanistan vertretenen politischen Kräfte, Anmerkung von Pickelhering) wäre keine gute Lösung«, so Neale, da alle an einer solchen Regierung beteiligten Kräfte rechts wären. »Es wäre aber immer noch eine bessere Lösung als die Hölle, die Afghanistan erwartet«, falls die Besatzer im Land bleiben.

Um einen »Ausweg aus diesem Teufelskreis« von Krieg und Unterdrückung zu finden, müsse man nach Pakistan schauen. Dort hat der Widerstand ein riesiges Rückzugsgebiet, was die USA dazu treibt, den Krieg auf Pakistan auszudehnen. Dagegen gibt es massenhaften Unmut, von dem Neale erwartet, dass er in einen Aufstand umschlagen wird. »Wenn es so weit ist und die Linke stark, leidenschaftlich und wütend auf die Straße geht, könnte das auch die politische Landschaft in Afghanistan verändern«.

Als weiteren Punkt nennt Neale eine Friedensbewegung im Westen, »die für Frieden, nicht für eine abgewandelte Besatzung eintritt.« Um eine solche aufzubauen und stark zu machen, sind Argumente nötig. Neale liefert wichtige in leicht lesbarer Form. Trotz des schwächeren letzten Teils also: Daumen hoch.

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