Freitag, 17. Juli 2009

Green New Deal: Zuviel versprochen?

Lösung der Wirtschaftskrise, soziale Gerechtigkeit und Umweltschutz – nicht weniger soll ein »grüner New Deal« leisten. Pickelhering über die Vorstellung, dass der Kapitalismus grün wird.
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Auf den ersten Blick scheinen die beiden katastrophalen Meldungen keinen Zusammenhang zu haben, die im vergangenen September über die Nachrichtenticker gingen. Die erste verkündete den Zusammenbruch der viertgrößten US-Investmentbank Lehman Brothers – ein Ereignis, das die Wall Street ins Wanken brachte und das Umschlagen der Finanz- in eine tiefe Wirtschafskrise beschleunigte.

Untergegangen in der Börsenpanik ist die zweite Nachricht, die sich ebenfalls als historische Zäsur herausstellen könnte: Wissenschaftler einer schwedisch-russischen Expedition berichteten von ihrer Entdeckung, dass in einem ausgedehnten Gebiet vor der Küste Sibiriens der arktische Meeresboden große Mengen des hochgefährlichen Treibhausgases Methan freisetzt. Mit dieser Entwicklung hatten Klimaexperten erst in 80 Jahren gerechnet. Da Methan 20-mal klimaschädlicher ist als CO2, besteht die Gefahr, dass sich die Erderwärmung beschleunigt.

Beide Meldungen reichen aus, um zu verstehen, dass wir es mit zwei ernsthaften Krisen zu tun haben. Beide müssen gleichzeitig gelöst werden. Dabei Zeit zu verlieren, können wir uns nicht leisten. In den Chefetagen von Wirtschaft und Politik ist das jedoch noch nicht angekommen. Milliarden werden in das marode globale Finanzsystem gepumpt. Sie dienen zur Aufrechterhaltung einer spekulationsgetriebenen, auf fossilen Energieträgern beruhenden Marktwirtschaft, die beide Katastrophen verursacht hat.

Ökologischer Umbau gegen die Krise

In diesem Klima haben im vergangenen Jahr verschiedene Akteure das Konzept eines »Green New Deal« (Grüner neuer Gesellschaftsvertrag) entwickelt. Die Idee: Durch einen ökologischen Umbau der gesamten Industrie und den Umstieg auf erneuerbare Energien sollen das Klima gerettet, neue Arbeitsplätze geschaffen und die Wirtschaftskrise überwunden werden. Der globalen Armut will man so ebenfalls beikommen. Angeschoben werden soll der sozial-ökologische Umbau durch staatliche Investitionen in erneuerbare Energien, die Förderung »grüner« Märkte und schärfere Regeln für Finanzkapital und umweltschädliche Unternehmen.

Populär geworden ist das Konzept, als im Oktober die UNEP (UN-Umweltprogramm) die Initiative eines »Global Green New Deal« ankündigte und daraufhin US-Präsident Barack Obama die Idee aufgriff. In Deutschland haben Bündnis 90/Die Grünen ihren Europa- und Bundestagswahlkampf mit dem Label »Grüner New Deal« versehen.

Dass die Bekämpfung von Wirtschaftskrise, Umweltverschmutzung und die Beseitigung von Armut zusammen angegangen werden sollen, ist die Stärke des Konzeptes. Denn bisher werden den Banken Milliarden zugesteckt, angeblich, um die Wirtschaft zu stimulieren. Doch das hat nicht funktioniert, weil diese das Geld benutzen, um ihre Verluste auszugleichen.

In der herkömmlichen Energiewirtschaft in Deutschland sind laut Statistiken des Bundeswirtschaftsministeriums seit 1991 kontinuierlich und massiv Arbeitsplätze abgebaut worden. Bei den erneuerbaren Energien hingegen entstehen neue – und das Potential ist groß. In dieser Hinsicht ist der »Green New Deal« eine großartige Idee: Neue, saubere Ener- gien schaffen neue Arbeitsplätze.

Tücken des Green New Deal

Doch das Konzept hat auch Tücken. Kann es gegen die große Macht der fossilen Energiekonzerne und der Ölindustrie durchgesetzt werden? Wenn man den Grünen, der UNEP oder Obama zuhört, gewinnt man den Eindruck, ein krisenfreier Öko-Kapitalismus mit menschlichen Ansatz sei in unmittelbarer Reichweite. Ist dem wirklich so? Um eine Antwort zu erhalten, lohnt es, den »Green New Deal« in dreierlei Hinsicht unter die Lupe zu nehmen: 1) Wer soll ihn bezahlen? 2) Mit welcher Strategie kann er durchgesetzt werden und von wem? 3) Was ist das Ziel?

Bezüglich der Finanzierung geben die Initiatoren keine eindeutige Antwort. Millionen von der Krise Betroffener werden jedoch die Frage stellen: Werde ich das etwa bezahlen müssen? Klar ist: Ein Umstieg auf erneuerbare Energien zahlt sich langfristig aus, ist kurzfristig aber teuer. Wenn die Antwort nicht unmissverständlich lautet: »Konzerne, Banken und Millionäre sollen zahlen«, wird die Masse der Menschen den Umstieg ablehnen.

Bei den Grünen spielt eine sozial gerechte Finanzierung eines ökologischen Umbaus eine etwas größere Rolle als in anderen Konzepten – zumindest in der Theorie. Aber das verwundert nicht angesichts zweier großer Wahlkämpfe, in denen die Partei einen Teil des Vertrauens wiedergewinnen will, das sie in der Zeit der rot-grünen Koalition verloren hat.

Obwohl die Grünen behaupten, aus ihren »Fehlern« gelernt zu haben, ist davon nicht viel zu spüren: Auf ihrer Bundesdelegiertenkonferenz im Mai konnte sich die Partei nur ganz knapp für die Forderung nach einem Mindestlohn entscheiden: 305 Delegierte stimmten dafür und 300 dagegen. Dass die Grünen mittlerweile auch eine Vermögenssteuer fordern, allerdings zeitlich befristet, oder höhere Steuern auf Kapitaleinkommen, wirkt angesichts des Gerangels um den Mindestlohn unglaubwürdig.

Sackgassen

Ob eine ökologische Wende gelingt, hängt davon ab, welcher Weg eingeschlagen wird und wer die Akteure sind. In den Konzepten von UNEP, Obama und den Grünen werden die Karten in den oberen Etagen der Gesellschaft neu gemischt, zwischen Bossen und Politikern. Der Masse der Bevölkerung fällt dabei vornehmlich die Rolle zu, an Wahltagen das Kreuz an der vermeintlich »richtigen« Stelle zu machen und den Akteuren in Politik und Wirtschaft zu vertrauen. Das wird schief gehen. Denn der erhebliche Widerstand der fossilen Energiekonzerne und der Ölindustrie kann so nicht gebrochen werden. Dazu sind sie zu mächtig und haben zu viel Einfluss in der Politik.

Millionen Wähler haben für Obama gestimmt in der Hoffnung, er würde sich unter anderem für den Klimaschutz einsetzen. Doch die »Klimawende« der USA, eines der wichtigsten Wahlversprechen Obamas, droht zu scheitern. Im Energieausschuss des US-Repräsentantenhauses ist sein Gesetzespaket zum Klimaschutz bereits abgeschwächt worden. Weite Verwässerungen bei den Beratungen in Repräsentantenhaus und Senat sind wahrscheinlich. »Wenn ich sage, wir müssen sehr viel tun, dann fürchte ich noch viel mehr, dass die USA gar nicht anfangen, etwas zu tun«, sagte US-Energieminister Steven Chu gegenüber der britischen Rundfunkanstalt BBC. Ursache sei der starke innenpolitische Widerstand aus Politik und Wirtschaft.

In Deutschland haben die Wähler bereits ähnliche Erfahrungen gemacht: 1998 trat die rot-grüne Regierung mit dem Versprechen einer sozial-ökologischen Wende an. Ein Jahr vor dem Scheitern Rot-Grüns zogen die Umweltverbände in einer gemeinsamen Erklärung Bilanz: »Trotz einiger guter Ansätze bei der Förderung Erneuerbarer Energien und in der Agrarwende ist es der Bundesregierung nicht gelungen, den Gedanken der Nachhaltigkeit als Querschnittsthema in alle Politikbereiche zu integrieren. Der ›rote Faden der Nachhaltigkeit‹, von dem der Bundeskanzler gern spricht, wird überhaupt nicht erkennbar.« Von ökologischer Verkehrspolitik war nichts zu spüren: »Völlige Fehlanzeige«, so das Urteil der Umweltverbände. Und bei den Ausgestaltungsregeln des Emissionshandels ließe Rot-Grün die großen Verschmutzer ungeschoren davonkommen, während »den kleinen Leuten beim Klimaschutz die Zeche aufgebrummt« werde. Wie es um die »soziale Wende« unter Rot-Grün bestellt war, davon können nicht nur Hartz-IV-Opfer ein Lied singen.

Vertrauen in Wahlen und Wirtschaft ist nicht angesagt. Damit sind wir bisher denkbar schlecht gefahren. Solange das Eigentum der »fossilen« Konzerne nicht angetastet wird, werden diese ihre Macht einsetzen, um ein ökologisches Umsteuern zu blockieren. Eine Verstaatlichung oder Vergesellschaftung der Öl- und Energiekonzerne ist im »Green New Deal« allerdings nicht vorgesehen.

Druck von unten für Arbeit und Umweltschutz

»Die sozialen Auseinandersetzungen werden sich verschärfen, ein Rückfall in autoritäre Krisenbewältigung zu Lasten der breiten Schichten der Bevölkerung ist möglich, aber keineswegs ausgemacht«, meint Ralf Krämer, ver.di-Wirtschaftsexperte und Mitglied der Programmkommission der LINKEN, angesichts der Wirtschaftskrise. Entscheidend für den Ausgang der Auseinandersetzungen sei »der Druck aus den Gewerkschaften und sozialen Bewegungen sowie den öffentlichen Diskursen und von der LINKEN.« Diese Einschätzung ist richtig und gilt auch für die Umweltkrise. Ohne massenhaften Widerstand gegen alle Versuche der Herrschenden, die Mehrheit der Menschen für die Umwelt- und Wirtschaftskrise zahlen zu lassen, wird es keinen »Green New Deal« geben, der diesen Namen auch verdient.

Im Europawahlprogramm der Grünen klingt es ganz anders: »Es ist jetzt an der Zeit, einen effektiven Ordnungsrahmen für die globale Wirtschaft zu schaffen, der die Märkte in den Dienst sozialer und ökologischer Entwicklung stellt. Denn wir wissen, dass wir für die Herausforderungen des Klimawandels oder der Bekämpfung der globalen Armut auch auf die Dynamik und Innovationskraft funktionierender Märkte angewiesen sind.« In dieser Theorie beschränkt sich die Rolle des Staates darauf, eine Struktur zu schaffen. In dieser sollen dann die »Marktkräfte« wirken und alles zum Besseren richten. Dass die Zuversicht in die Märkte in den letzten Monaten rapide abgenommen hat, ist auch den Grünen nicht entgangen. Deshalb sieht ihr Konzept zudem ein ökologisches Investitionsprogramm des Staates vor, dass viele Arbeitsplätze schaffen soll. Ein Bruch mit neoliberalen Ideen ist damit allerdings nicht vollzogen. Der »New Deal« der Grünen ist eine widersprüchliche Mischung aus marktliberalen Ideen, angereichert mit einen Schuss »Öko-Keynesianismus«.

DIE LINKE bringt mit Recht den Märkten größeres Misstrauen entgegen und fordert deshalb: »Stärkung und Ausbau des Sozialstaats und sozialer, kultureller und Gesundheitsdienstleistungen, der öffentlichen Infrastruktur und Daseinsvorsorge, sowie öffentliche Investitionen für den ökologischen Umbau. Kernprojekt ist ein groß angelegtes längerfristiges Zukunftsinvestitionsprogramm, mit dem über eine Million gute Arbeitsplätze geschaffen werden können.«

"Grüne" Wirtschaftskrisen

Den Kern der Vorschläge von UNEP, Obama und Grünen bildet die Vorstellung von einem »grünen Kapitalismus«, in dem die »ökologischen Potentiale« des Marktes freigesetzt werden sollen. Zutreffend beschreibt der Politikwissenschaftler Elmar Altvater, was das bedeutet: »Auch green investment muss freilich lohnend, sprich profitabel für Anleger gemacht werden. Daher muss ein Überschuss produziert werden, aus dem die Renditen des ›green investment‹ abgezweigt werden können. Ohne Wachstum ist dies ausgeschlossen und daher bleibt der grüne Kapitalismus, wie der schwarze fossile Kapitalismus auch, auf Wachstum angewiesen.« Natur wird damit zur Ware.

Auch für »grüne« Unternehmer gilt: Getrieben durch die Konkurrenz müssen sie Geld in die Produktion investieren, um durch den Verkauf von Waren mehr Geld als vorher zu erhalten. Dieses muss wiederum investiert werden, um erneut für den Verkauf zu produzieren. Es werden Werte geschaffen, um mehr Werte zu schaffen, um noch mehr Werte zu schaffen. Ein Unternehmen, dass im Konkurrenzkampf nicht mithalten kann, geht unter. Ein solches Wirtschaftssystem ist in jeder Form krisenanfällig.

Wachstumszwang und Armut

Wachstum hat auch eine ökologisch relevante »stoffliche« Seite. Es kann nur aufrecht erhalten werden, indem ununterbrochen mehr Material (Roh- und Hilfsstoffe, Maschinen, Werkzeuge und andere Arbeitsmittel) und Energie der Produktion zugeführt werden. Auch wenn jedes Unternehmen dieser Welt mit den Ressourcen sorgfältiger umgehen würde, fräße das Wachstum den Effizienzgewinn auf. Denn die Natur kann nicht in dem Tempo Ressourcen nachliefern, wie sie unter Marktbedingungen verbraucht werden. Nur eine Wirtschaftsweise, die Charakter und Tempo ökologischer Kreisläufe berücksichtigt und diesen Rahmen nicht verlässt, ist nachhaltig. Doch das widerspricht dem Wachstumszwang.

Der Kapitalismus hat sich uneinheitlich und ungleichzeitlich entwickelt. Armen Ländern stehen reiche gegenüber. Laut Welthandelsbericht konzentrieren sich vier Fünftel der globalen Produktion und zwei Drittel der globalen Agrarwirtschaft auf lediglich 15 Länder. Diese Uneinheitlichkeit ist Folge der Tatsache, dass die Produktionsmittel privat kontrolliert werden und der Realisierung von Gewinnen dienen. Dort, wo ein Staat Produktionsmittel besitzt, führt internationale Konkurrenz zu demselben Effekt. Eine »Begrünung« des Kapitalismus wird daran nichts ändern, weil sich soziale Ungerechtigkeit aus dieser Wirtschaftsweise selbst ergibt.

Auch in den entwickelten Industrieländern geht die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinander. Löhne sind auch für ökologisch orientierte Unternehmer ein Kostenfaktor: Wie hoch diese sind, ob bzw. wie viel Mitbestimmung der Belegschaft es gibt und ob ein »grünes« Unternehmen Arbeitsplätze abbaut, wenn die Rendite zu niedrig ist, hängt von der gewerkschaftlichen Organisierung und der Durchsetzungsfähigkeit der Belegschaft ab. Die Annahme, dass ein Solarunternehmer per se zu »seinen« Arbeitern netter ist als ein Kohleunternehmer, wäre naiv.

Für eine antikapitalistische Umweltbewegung

Wie die Produktion hat der Kapitalismus auch die Naturzerstörung globalisiert. Die Folgen machen vor keiner Grenze halt. Deswegen ist ein weltweit geplantes Handeln nötig. Doch das Gegeneinander von miteinander konkurrierenden Unternehmen und Staaten steht dem im Weg. Konkurrenzkampf und Markt sind mit einer ökologisch und sozial nachhaltigen Gesellschaft nicht vereinbar. Letztlich führt kein Weg daran vorbei, die Marktwirtschaft zu beseitigen und durch eine Gesellschaft zu ersetzen, in der Produktion und Verbrauch durch Arbeitnehmer und Verbraucher demokratisch geplant und bestimmt werden. Das ist die Voraussetzung dafür, das Funktionieren natürlicher Kreisläufe konsequent berücksichtigen zu können.

Soll man dem »New Deal« nun den Rücken kehren? Nein, das wäre ein großer Fehler und käme den »fossilen Neoliberalen« zugute. Stattdessen sollten sich Sozialisten in die Debatte einmischen und Aktionen mittragen. Sie können dabei helfen, eine Massenbewegung aufzubauen, die den Kampf um jeden Arbeitsplatz und für den Umstieg auf erneuerbare Energien verbindet. Und sie können ihre ganze Kraft dafür einsetzen, dass eine solche Bewegung nicht bei Reformen stehen bleibt, sondern sich die Entmachtung des Kapitals zum Ziel setzt. Hier birgt die Krise große Chancen für die Linke.

(Dieser Artikel ist erschienen in: marx21, Heft 11, Juni 2009)
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Freitag, 10. Juli 2009

Umweltpolitik - marktkonform oder antikapitalistisch?

Marktwirtschaftliche Ansätze dominieren in den grünen Parteien und sind in Umwelt-NGOs weit verbreitet. Andererseits hat Kapitalismuskritik eine Renaissance erlebt und dazu geführt, marktkonforme Umweltpolitik verstärkt in Frage zu stellen. Wie linke Umweltpolitik aussehen kann, darüber wird im Themenheft »Energie und Klima« des Magazins »Widerspruch« debattiert.
Widerspruch - Beiträge zu sozialistischer Politik: Themenheft »Energie und Klima« Nr. 54, Juni 2008, 224 Seiten, 16,00 Euro

Noch vor knapp vier Jahren herrschte in Sachen Klimaschutz Euphorie: Das Kyoto-Protokoll war gerade in Kraft getreten. Mittlerweile ist die Feierlaune verflogen. Die Wirtschaftskrise dominiert die Schlagzeilen und mit den Börsenwerten ist auch der Wille der Vertragsstaaten gesunken, dem drohenden Klimakollaps etwas entgegenzusetzen. Markt geht vor Umwelt - so der Tenor aus den Chefetagen von Wirtschaft und Politik.

»In der Klimaproblematik manifestiert sich der unauflösbare Konflikt zwischen Ökologie und Kapitalismus«, schreibt die Redaktion des linken Schweizer Magazins Widerspruch. Im vergangenen Sommer hat sie ein Themenheft zu »Energie und Klima« herausgebracht. In zahlreichen Beiträgen analysieren Fachleute aus der Schweiz, Österreich und Deutschland unterschiedliche Facetten der Energie- und Umweltpolitik im Kapitalismus, die Folgen für Menschen und Natur und stellen ihre Alternativen zur herrschenden Politik vor.

Es werden auch Auswirkungen diskutiert, die in den öffentlichen Debatten keine Rolle spielen: zum Beispiel die Tatsache, dass der herrschende Umgang mit Ressourcen und der Natur global einen großen Teil der Frauen, vor allem die ärmsten, massiv benachteiligt. In mehreren Beiträgen wird der zerstörerische Zwang zu profitorientiertem Wachstum kritisiert. In den Klimadebatten, so wie sie in Massenmedien und auf Regierungsebene geführt werden, gelten hingegen Markt und Wachstum als Voraussetzungen der Klimapolitik.

Die Autorinnen und Autoren bearbeiten nicht nur unterschiedliche Themen, sondern vertreten auch verschiedene, zum Teil entgegengesetzte, theoretische Ansätze. Die Kritik an der Schädlichkeit herrschender Energie- und Klimapolitik ist allen Beiträgen gemeinsam. Doch einige Autoren sehen trotzdem Unternehmer und Politiker als Hauptakteure für Veränderungen. In dem Beitrag von Achim Braunwalder spielt Marktkritik keine Rolle. Ein Umsteuern in Richtung nachhaltige Gesellschaft ist für ihn »einzig eine Frage des ernsthaften Willens von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft« - der derzeit fehle.

Beat Ringger plädiert im Gegensatz dazu für eine neue Umweltbewegung, die sich »radikal von einer marktwirtschaftlichen Orientierung« verabschieden sollte. Er bemängelt, dass Klimawandel, Rohstoffkrise und »unsichere Energiezukunft« nicht als Ausdruck einer »systemischen Krise der kapitalistischen Produktionsweise« diskutiert werden. Denn marktkonformer angeblicher Umweltschutz habe nicht nur eine weitere Schädigung der Umwelt nicht verhindert, sondern auch große Teile der ersten globalen Umweltbewegung der 1970er bis 1990er Jahre geschwächt.

Dieser Disput ist Ausdruck der Tatsache, dass es einerseits den Neoliberalen gelungen ist, den Markt als Lösung der Umweltprobleme zu präsentieren. Marktwirtschaftliche Ansätze dominieren in den grünen Parteien und sind auch in Umwelt-NGOs weit verbreitet. Andererseits hat Kapitalismuskritik mit der globalisierungskritischen Bewegung eine Renaissance erlebt und auch dazu geführt, marktkonforme Umweltpolitik verstärkt in Frage zu stellen.

Trotz der Themenvielfalt kommt in dem vorliegenden Band eine Analyse der Strategien und Praktiken der Umweltbewegung und damit der Ursachen ihrer Schwächen zu kurz. Der in dieser Hinsicht sehr gute Beitrag von Beat Ringger gleicht diesen Mangel nur zum Teil aus.

Widerspruch liefert mit dieser ansonsten sehr gelungenen Ausgabe nicht nur einen Einblick in die Themen und Debatten, sondern auch Argumente für all jene, die für eine gerechte und ökologisch nachhaltige Gesellschaft kämpfen.

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Mittwoch, 8. Juli 2009

King of Schrott



Ob der "King of Schrott", das Atomkraftwerk Krümmel, nach seinem Ableben von seinen Fans ebenso verehrt wird wie der "King of Pop" MJ nach seiner "Stilllegung"? Wahrscheinlich. Bis dahin gibt es X-tausend schlechte Gründe, warum Krümmel so lange wie möglich weiter Schlagzeilen liefern sollte: Pickelheirng nennt sieben (Glückszahl!):
  • Wichtig in Zeiten der Krise: Krümmel sichert Arbeitsplätze in der Medienbranche.
  • Wichtig in Zeiten der Übersättigung: Atomgegner und Atomlobbyisten werden gleichermaßen auf Trab und damit fit gehalten
  • Leistet der Kinderkrebsforschung unschätzbare Dienste (Stichwort: Feldforschung)
  • Union und FDP haben einen Anlass, sich öffentlichkeitswirksam als Betonköpfe und Umweltsäue zu outen - und sich von ebensolchen wählen zu lassen
  • Die im Kapitalismus längst angekommenen Grünen dürfen sich weiterhin mit der Aura des Alternativen umgeben
  • Liefert der Minderheitenpartei SPD einen Grund, nochmal Wahlkampf zu machen
  • Deutsche Kommissköppe dürfen auch in Zukunft von Unmengen Plutonium und einer eigenen A-Bombe träumen
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Was haben die Gewerkschaften je für uns getan?

Klare Frage, die in dem lustigen Spot ebenso klar beantwortet wird:



Der Spot stammt von der Abteilung Bergbau und Energie der australischen Industriegewerkschaft (ETU) und dem Gewerkschaftsdachverband National Unions of Worker (NUW). Angelehnt ist er an eine bekannte Szene aus dem Film "Das Leben des Brian".
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Dienstag, 14. April 2009

Solidarität mit Samieh Jabbarin



Weil er gegen Israels Krieg in Gaza protestierte, wurde der Theaterregisseur Samieh Jabbarin verhaftet. Seit zwei Monaten lebt er unter Hausarrest in Jaffa. Pickelhering bittet seine Leserinnen und Leser, die Solidaritätserklärung mit Samieh zu unterzeichnen.
Solidaritätserklärung:
Hausarrest als Mittel der politischen Gängelung: Der Fall des Theaterregisseurs Samieh Jabbarin

Der auf unbegrenzte Zeit verhängte Hausarrest gegen den Theaterregisseur Samieh Jabbarin aus Jaffa ist ein Beleg für die verschärfte Schikanierung von Bürgern, die ihre politischen Ansichten auf demokratischem Weg zum Ausdruck bringen wollen. Sein Fall wirft ein grelles Licht auf die enge Zusammenarbeit zwischen den israelischen Sicherheitskräften, der Polizei und der Staatsanwaltschaft. Es wird hier der Versuch unternommen, einen friedliebenden und sozial engagierten politischen Aktivisten unter dem Vorwurf der Gewalttätigkeit zu inkriminieren. Die Gerichte haben dem leider keinen Riegel vorgeschoben.

Die Tatsachen

Samieh Jabbarin, 41 Jahre alt, geboren in Um al Fahm und israelischer Staatsbürger, arbeitet als Theater- und Filmregisseur. Er erhielt seine professionelle und akademische Ausbildung in Deutschland und macht derzeit seinen Master am Fachbereich für Theaterwissenschaften an der Universität Tel Aviv. Nach seiner Rückkehr in sein Heimatland zog er nach Jaffa, wo er sich unter anderem an der Bewegung gegen die derzeitige Welle von Vertreibungen arabisch-palästinensicher Bewohner engagiert. Samieh ist auch an der Bewegung Abna al Balad (Söhne des Landes) beteiligt und war Mitorganisator der letztjährigen Konferenz über das Rückkehrrecht und einen säkularen und demokratischen Staat. Letzten Dezember half er, öffentliche Trauerkundgebungen und gewaltlose Proteste gegen die israelische Offensive in Gaza zu organisieren.

Im Januar 2009 wurde er von den Sicherheitskräften gewarnt, sie würden Mittel und Wege finden, ihn für seine politischen Aktivitäten zu bestrafen. Die Gelegenheit dazu bot sich anlässlich der Parlamentswahlen am 10. Februar. Eine Gruppe extrem rechter Fanatiker hatte ihre Absicht erklärt, den Urnengang in Um al Fahm, der zweitgrößten arabischen Stadt in Israel, als offizielle Wahlbeobachter zu überwachen. Samieh beteiligte sich zusammen mit anderen Einwohnern seiner Heimatstadt an einer Protestdemonstration. Sie hatten sich gerade versammelt, als er zusammen mit anderen Bewohnern verhaftet wurde. Mit beispielloser Eile wurde gegen ihn gleich am nächsten Tag vor dem Gericht von Hadera Anklage erhoben. Der
Vorwurf lautete: Übergriff auf den Grenzschutz-Kommandeur der Nordgrenze, Uri Mor-Yossef.

Alle Versuche, diese offensichtlich falsche Anschuldigung zu entkräften, blieben erfolglos. Es ist allerdings ein offenes "Geheimnis", dass die israelische Polizei alle Demonstrationen und Verhaftungen auf Video aufnimmt. In diesem Fall wurde jedoch - abgesehen von der Stellungnahme des betreffenden Polizeibeamten - kein Beweismaterial zur Verfügung gestellt. Samieh wurde 17 Tage unter üblen Bedingungen im Gefängnis Kishon festgehalten und danach, in der Folge einer Gerichtsverhandlung, unter Hausarrest im elterlichen Haus in Um al Fahm gestellt. Zwei Familienmitglieder müssen ihn ständig begleiten und eine elektronische Fußfessel wurde an sein Fußgelenk angebracht. Offiziell bleibt die Maßnahme "bis Ende der Gerichtsverhandlungen" in Kraft. Diese Verhandlungen sind allerdings auf seltsame Weise ins Stocken geraten. Im Gegensatz zu der enormen Eile, mit der die Anklage erhoben wurde, zeigt das System keine Eile, das staatsanwaltliche Beweismaterial im Rahmen einer öffentlichen Anhörung preiszugeben. Die Staatsanwaltschaft "hatte vergessen", Samieh und seinen Rechtsanwälten die Anklage zu überreichen. In der Folge musste ein neuer Termin für den 27. April anberaumt werden. Und wer weiß, wie viele Monate noch bis zum eigentlichen Prozesstermin vergehen werden.

Auf diese Weise wird Samieh Jabbarin jeglicher Zugang zu seiner kreativen Arbeit, seinem Studium und seinem gewöhnlichen Tagesgeschäft verwehrt. Sein Schicksal soll auch andere sozial und politisch engagierte Menschen einschüchtern. Wir appellieren an alle Menschen, die demokratischen Grundwerten verpflichtet sind, ihre Stimme zu erheben und ein Ende dieser bedauernswerten Affaire einzufordern. Wie müssen die fragwürdige Methode falscher Anschuldigungen und Polizeifallen zur Gängelung von politischem Widerstand anprangern. Dieses Appell richtet sich an:
  • Bühnen-, TV- und Filmkünstler in Israel und im Ausland

  • Journalisten der Druck- und elekronischen Medien

  • Menschen, die im Kultur- und Bildungsbetrieb an prominenter Stelle arbeiten

  • Rechtsanwälte und andere Menschen, die auf dem Gebiet der Justiz arbeiten

  • Menschenrechtsaktivisten in aller Welt

  • Bürger, die sich noch um die Demokratie sorgen, wo auch immer sie sich befinden mögen
Wir sind aufgefordert, uns für die Rede- und Versammlungsfreiheit und das Recht auf gewaltlose politische Betätigung von Samieh Jabbarin und allen anderen Bürgern Israels, Juden wie Arabern gleichermaßen, einzusetzen. Es ist unvorstellbar, dass kritisches Denken und gewaltloser Widerstand mit dem Vorwurf der Gewalt, mit Verhaftungen und massiver Einschüchterung bestraft werden.

(Aus dem Englischen von David Paenson)

Mehr Information im Internet:

  • Solidaritätserklärung online unterzeichnen (Erklärung zum Online-Formular: Trage ins 1. Feld deinen vollen Namern ein (keine Umlaute, kein 'ß'). Trage in das 2. Feld deinen Wohnort ein (ohne PLZ). In das 3. Feld muss die E-Mail-Adresse eingetragen werden (wird nicht veröffentlicht). Diese drei Felder sind obligatorisch. Die nächsten beiden Felder bitte freilassen. In das große rechteckige Feld kannst du einen Kommentar eintragen. Klicke zuletzt den rosa Button (siehe unten), um deinen Eintrag zu veröffentlichen:
    Zur Solidaritätserklärung

  • Solidaritätserklärungen bitte an: friendsofsamieh [ät]
    gmail.com
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Freitag, 3. April 2009

Proteste beginnen: Nein zur NATO - Nein zum Krieg



Während die NATO ihr 60-jähriges Bestehen feiert, beginnen auch die Proteste gegen den derzeit tagenden Gipfel des Militärbündnisses. Pickelherings Redaktionskollege Yaak Pabst über die Aktionen der Friedensbewegung.
Die NATO feiert heute und morgen ihr 60-jähriges Bestehen. Anlässlich des Gipfels des Militärbündnisses hat die Friedensbewegung zu Protesten bis einschließlich Sonntag aufgerufen. Diese bestehen aus einer Demonstration am morgigen Samstag, einer internationalen Konferenz, einem Widerstands-Camp sowie Aktionen des zivilen Ungehorsams.

Für den Protest gibt es gute Gründe: Die NATO steht für eine kriegerische Welt. Sie soll als Instrument imperialer Interessen gefestigt werden und wird momentan mit Hochdruck zu einem offensiven Kriegs- und Besatzungsbündnis ausgebaut.

Ersteinsatz von Atomwaffen

Westliche Regierungen heizen damit nicht nur die weltweite Aufrüstungsspirale an. Die "neue" Grundrichtung steht in einem 150-seitigen Papier, das von fünf hochkarätigen NATO-Strategen, unter ihnen der deutsche General a.D. Klaus Naumann, verfasst worden ist. Einige Negativ-Highlights: Die NATO soll die atomare Präventivschlagstrategie der US-Regierung übernehmen, namentlich um gegen ein mögliches iranisches Atomprogramm vorzugehen.

Es ist eine groteske Logik: Eine weitere Verbreitung von Atomwaffen soll durch deren Ersteinsatz verhindert werden. So steht es Schwarz auf Weiß: "Die Gefahr einer weiteren Verbreitung von Atomwaffen ist akut. (...) Der Ersteinsatz von Nuklearwaffen muss im Arsenal der Eskalation das ultimative Instrument bleiben um den Einsatz von Massenvernichtungswaffen zu verhindern."

Teure Aufrüstung

Diese Strategie gibt es nicht umsonst: Mehrere Milliarden Euro werden für die "Neuausrichtung der NATO" bereitgestellt. Geld welches für Soziales und Bildung fehlt.

Beim letzten NATO Gipfel in Bukarest haben sich die NATO-Staaten auf den Aufbau eines Raketenabwehrschirms geeinigt. Die regierungsnahe Stiftung Wissenschaft und Politik ist in einer Studie zum Ergebnis gelangt, dass ein umfassendes Raketenabwehrsystem "40 Milliarden Euro oder mehr" kostet. Nach den bisher praktizierten Umlagemodellen könnte sich allein der deutsche Beitrag auf 7,2 Milliarden Euro belaufen.

Achillesferse Afghanistan

Es ist möglich, zu verhindern, dass solche Pläne Realität werden. Die NATO hat eine Achillesferse, die ihre Existenz bedroht: Afghanistan. Dort stehe "die Glaubwürdigkeit der NATO auf dem Spiel (...) Die NATO steht am Scheideweg und droht zu scheitern", so der frühere niederländische Oberkommandierende Henk van den Bremen, Co-Autor des Naumann-Papiers.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel läßt daran keinen Zweifel. Ihrer Meinung nach müsste der Krieg in Afghanistan unter allen Umständen erfolgreich beendet werden, denn er sei der "Lackmustest für ein erfolgreiches Krisenmanagement und für eine handlungsfähige NATO."

Scheitert die NATO in Afghanistan - und vieles spricht derzeit dafür -, so hat sich jeder weitere ähnlich geartete Kriegseinsatz auf Jahre hinaus erledigt. Hierin liegt ein Hauptgrund, weshalb trotz der dramatischen Eskalation so krampfhaft an diesem Einsatz festgehalten wird.

(Erstveröffentlichung auf www.marx21.de)

Mehr im Internet:
  • Thomas Trueten vor Ort: Bombenwetter in Strasbourg

  • Afghanistan: Mehr Bombentote als je zuvor - Rechtzeitig zum NATO-Gipfel legen zehn Hilfsorganisationen eine Bilanz des Kriegs in Afghanistan vor. Resultat: Noch nie starben so viele Afghanen bei Luftangriffen wie 2008

  • Interview: Die NATO will mehr Krieg in Afghanistan - Pickelhering und Yaak Pabst haben mit Jürgen Wagner von der "Informationsstelle Militarisierung" über die aggressive Expansion der NATO, die Gefahr einer neuen Blockkonfrontation und über die große Bedeutung des Afghanistankrieges für das Militärbündnis gesprochen.
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Dienstag, 24. März 2009

Ihr Köhlers, was habt ihr angerichtet?

Ich will nicht so streng über unseren Bundespräsidenten urteilen wie Georg Fülberth das heute auf freitag.de getan hat - sondern strenger.

Dazu habe ich allen Grund. Seit fast 18 Jahren pflege ich behinderte und alte Menschen. Nun hat es das Staatsoberhaupt der Bundesrepublik Deutschland in seiner jüngsten Berliner Rede nicht lassen können, vor meinen Kolleginnen und Kollegen, vor mir einen verbalen Kotau zu machen.

Das ist so verlogen, dass ich protestieren muss.
Wenn ich mich recht entsinne, gehen die im Jahr 1992 beschlossenen Maastricht-Kriterien auch auf Köhlers Initiative zurück. Das sind jene Vereinbarungen europäischer Regierungen, mit denen die massiven Sozialkürzungen in der EU begründet wurden. Im Vertrag von Nizza 2001 und im Lissaboner Vertrag 2007 wurde die Politik des Sozialabbaus und der Deregulierung fortgeschrieben und soll Bestandteil einer EU-Verfassung werden. Betroffen davon sind auch wir: Altenpfleger und Krankenschwestern, denen Köhler angesichts engagierter und aufopferungsvoller Niedriglöhnerei Honig um den Mund zu schmieren gedenkt. Auf dass andere es uns gleichtun.

Zuckerguss für neoliberale Verzichtspredigt

Köhler hat sicherlich mehr von der Welt gesehen als ich. Aber im Mikrokosmos des deutschen Gesundheits(un)wesens kenne ich mich aus wie in meiner Westentasche. Damit verdiene ich mein Geld. Es ist ein wichtiger Teil meines Leben. Deshalb darf ich fragen: Köhler, was hast du angerichtet? Was hast du meinen Kolleginnen und Kollegen, was hast du mir angetan?

Reicht es nicht, dass wir uns für wenig Lohn und einen warmen Händedruck abrackern, um Pflegebedürftige, so gut es geht, zu versorgen? So weit es ein von deinesgleichen teilprivatisiertes und budgetiertes Gesundheitssystem zulässt. Warum müssen wir auch noch als Zuckerguss für deine moralinsaure, neoliberale Verzichtspredigt herhalten?


Wir sollen minutengenaue Pflege am Fließband leisten: Aufstehn-Waschen-Windelwechsel-Zähneputzen-Kämmen-Anziehn-Frühstück-Windelwechsel-Mittagessen-(Kaffee-Kuchen??Leider-Leider-Keine-Zeit!Keine-Zeit!!)-Abendbrot-Windelwechsel-Betten-Lagern-Gute-Nacht-Bis-morgen-Früh-Aufstehn. Hauptsache, die Pflegebedürftigen sind satt und sauber? Ihr Köhlers, was habt ihr meinen Patienten angetan? Mit Menschenwürde hat das nichts zu tun.

Mein Bundespräsident ist das nicht

Wenn ich dann das Staatsoberhaupt reden höre von "Wert" und "Würde der Arbeit", weiß ich: "Mein" Bundespräsident ist das nicht, das ist nicht "meine" Regierung - und das ist auch nicht "meine" angeblich soziale Marktwirtschaft.

Hat der Mann noch alle Tassen im Schrank, dass er sich zu sagen wagt: "Warum haben wir die Pflege alter Menschen zu Hause oder die Versorgung kleiner Kinder so lange in die Schwarzarbeit gedrängt? " Was heißt denn hier "Wir"? Haben meine Kolleginnen und Kollegen das verschuldet? Oder die Pflegebedürftigen, deren Angehörige? Haben andere, denen es ähnlich schlecht geht, das angerichtet? Arbeitslose etwa oder die alleinerziehende Mutter, die ihre Kinder in die Suppenküche schicken muss? Nein, DU und deinesgleichen, IHR habt das getan.

"Was Hände bauten, können Hände stürzen"

Doch ich gebe zu, ein Teil der Schuld trifft auch "uns hier unten". Denn wir haben uns den neoliberalen, marktfanatischen, diesen ganzen kapitalistischen Unsinn viel zu lange gefallen lassen.

Köhler appelliert in seiner Rede: "Wir werden Ohnmacht empfinden, und Hilflosigkeit und Zorn. Aber es gab auch noch nie eine Zeit, in der unser Schicksal so sehr in unseren eigenen Händen lag wie heute." An dieser Stelle fällt mir eine Zeile aus Schillers "Wilhelm Tell" ein. Als die Zwingburg in Uri gebaut wird, sagt Tell: "Was Hände bauten, können Hände stürzen.“ Für die Herrschaft der Köhlers, für den Kapitalismus gilt das auch.
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Freitag, 20. März 2009

Pickelhering pikst und Dylan dealt

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Video: "Subterranean Homesick Blues" ist immer noch einer der besten film clips der Musikgeschichte - doch dieses Mal mit einer Botschaft von Pickelhering an die subversive Leserschaft!


Pickelhering pikst
und Dylan dealt.

Verse schweben leicht,
doch treffen gezielt.

Trau dir selbst,
reg' Kopf und Hand.

Im Getriebe
sei der Sand!


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Donnerstag, 19. März 2009

Mozart goes Tango

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Video: Pickelhering gibt euch was auf die Ohren - Richard Galliano und das "Solis String Quartet" spielen "Mozartango". Klassik, Jazz und "Neuer Tango" verschmelzen zu einem Rhythmus, wo man mit muss.

;-) Ab Minute 2:30 anschnallen...
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Dienstag, 17. März 2009

Der Kapitalismus frisst seine Kinder

Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Entfesselung der Märkte und der Zunahme extremer Gewalt. Mit einem schärferen Waffengesetz oder Verboten von "Killerspielen" lassen sich Amokläufe nicht verhindern. Pickelhering über die Morde in Winnenden...
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Anmerkung: Den Artikel habe ich für das Online-Magazin marx21.de verfasst.


Nach den schrecklichen Morden in Winnenden ist der Ruf nach schärferen Gesetzen und Kontrollen laut geworden. Hätte Tim K. "keine großkalibrige Pistole in die Hand bekommen, hätte er nicht 15-mal getötet" ist sich die "taz" sicher. Vielleicht stimmt das in diesem konkreten Fall. Doch verallgemeinern lässt sich das nicht.

Als Tim K. seine Taschen mit Munition vollstopft und mit einer Pistole loszieht, um möglichst viele Menschen zu ermorden, geschieht das nicht aus einem vorübergehenden Wutanfall heraus. Wie andere vorher, hat er seinen Amoklauf geplant und längere Zeit vorbereitet. 2006 hatte sich der 18-jährige Bastian B. mit einem Arsenal verschiedener Waffen eingedeckt, um an seiner ehemaligen Schule in Emsdetten (Nordrhein-Westfalen) ein Massaker anzurichten. Dazu gehörten auch selbst gebastelte Sprengsätze.

Im belgischen Dendermonde drang im Januar ein 20-jähriger in eine Kinderkrippe ein, tötete zwei Babys, die Erzieherin und verletzte 10 weitere Kleinkinder und 2 Erwachsene. Eine Schusswaffe war dazu nicht nötig. Der Täter rüstete sich mit mehreren Messern und einem Beil aus.

Weder durch strengere Kontrollen noch durch ein Verbot der Aufbewahrung von Handfeuerwaffen in Privathaushalten wären diese Taten zu verhindern gewesen.

Daraus lässt sich selbstverständlich nicht die umgekehrte Schlussfolgerung ziehen, dass eine Liberalisierung der Waffengesetze unproblematisch wäre. Ein weniger eingeschränkter privater Zugang zu Schusswaffen würde auch deren Gebrauch fördern, die Zahl der Opfer würde steigen.

Außerdem hat eine Auswertung von internationalen Berichten über Amokläufe für den Zeitraum 1993 bis 2001 ergeben, dass ein erheblicher Prozentsatz der Täter aus "waffentragenden" Berufen stammte (26 Prozent Soldaten und 7 Prozent Polizisten) oder "Waffennarren" waren.

Computerspiele produzieren keine Mörder

Nach Winnenden stellte Innenminister Schäuble im Live-Chat bei tagesschau.de einen Zusammenhang zwischen Amokläufen und bestimmten Computerspielen her: "Ist es nicht wahr, dass durch diese Gewaltdarstellungen, durch Killerspiele, durch was der Himmel es alles gibt an schrecklichen Dingen, dann bei jungen Menschen solche Mechanismen ausgelöst werden, dass dann ein junger Mensch, 17 Jahre alt, so etwas entsetzliches tut?"

Für diese beliebte These - 60 Prozent der Bevölkerung stimmen ihr zu - gibt es allerdings keinen Beleg. Die Wirkung von "Ballerspielen" auf das Gewaltpotenzial wird schon länger wissenschaftlich untersucht: „Langfristig konnte noch keine Steigerung der Aggressivität nachgewiesen werden“, stellte der Kommunikationswissenschaftler Jörg Müller-Lietzkow nach dem Amoklauf in Emsdetten klar. Die Aussichtslosigkeit, die Bastian B. gefühlt habe, sei "nicht spiele-induziert", erklärte der Medienpädagoge Professor Winfred Kaminski damals. Wer vor allem Spielverbote fordere, wolle sich seiner Verantwortung entziehen, meinte er.

Dennoch beklagen Politiker, dass Jugendliche viel Zeit mit Computerspielen verbringen - und streichen gleichzeitig Gelder für andere Freizeitmöglichkeiten wie Jugendzentren oder bei der Jugendarbeit. Da liegt der Verdacht nahe, dass die Bundesregierung mit Forderungen nach einem schärferen Waffengesetz und Verboten bestimmter Computerspiele vom eigentlichen Problem ablenken will. Kinder und Jugendliche müssen in einer auf Konkurrenz beruhenden Ellenbogen-Gesellschaft aufwachsen, die steigenden Druck auf den Einzelnen ausübt.

Eine Welt, in der Geld regiert

Welche Motive Tim K. dazu bewogen haben, zum Mörder zu werden, ist nicht klar. Bastian B. hingegen hatte einen Abschiedsbrief hinterlassen, aus dem hervorgeht, was ihn umtrieb:"Das einzigste was ich intensiv in der Schule beigebracht bekommen habe war, das sich ein Verlierer bin. (...) Ich erkannte, dass die Welt, wie sie mir erschien, nicht existiert, dass sie eine Illusion war, die hauptsächlich von den Medien erzeugt wurde. Ich merkte mehr und mehr in was für einer Welt ich mich befand. Eine Welt in der Geld alles regiert, selbst in der Schule ging es nur darum. Man musste das neuste Handy haben, die neusten Klamotten, und die richtigen "Freunde". hat man eines davon nicht ist man es nicht wert beachtet zu werden."

Einen Sinn im Leben konnte Bastian nicht finden: "Wozu das alles? Wozu soll ich arbeiten? Damit ich mich kaputtmaloche um mit 65 in den Ruhestand zugehen und fünf Jahre später abzukratzen?" Dieser Gesellschaft, so schrieb er, wolle er sich nicht anpassen.

Weitere Teile des Briefes bestehen aus reaktionären Beschreibungen seiner Rachegefühle und der Diffamierung unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen und Jugendkulturen, die er für seine Lage verantwortlich macht. Sich selbst heroisierte er als militanten Einzelgänger, der es allen zeigen werde.

Sicher stehen viele Jugendliche unter ähnlichem Druck, ohne gewalttätig zu werden. Doch jeder reagiert auf andere Weise. Der Weg von Isolierung, Hass auf die Welt, Gewaltphantasien bis zum Amoklauf ist eine extreme Form fremdgerichteter Aggression. Andere Effekte dieser Normierung von Jugendlichen sind Magersucht, Bulimie, Selbstverletzungen, der Missbrauch von Psychopharmaka, Beruhigungsmitteln oder Drogenkonsum. In jedem Jahr endet diese "Aggression nach innen" für rund 1500 Jugendliche im Suizid.

Lösungen lassen sich nur dann finden, wenn erstens die sozialen Verhältnisse nicht ausgeblendet werden und zweitens von den Bedürfnissen der Jugendlichen ausgegangen wird. Schärfere Gesetze, mehr Verbote oder das Verwandeln von Schulen in Festungen gehen genau an diesen vorbei.

Auslöser von Amokläufen

Fachleute beschreiben mehrere Auslöser von Amokläufen: eine fortgeschrittene psychosoziale Entwurzelung des Täters, der Verlust beruflicher Integration durch Arbeitslosigkeit, Rückstufung oder Versetzung, zunehmend erfahrene Kränkungen sowie Partnerschaftskonflikte.

Seit dem Massaker an der Columbine High School (USA) im Jahr 1999 sind die so genannten "school shootings", Amokläufe an Schulen, ins Blickfeld geraten. Einige Umstände im Leben der Täter treten gehäuft auf:
  • Mobbing in der Schule
  • unangemessener Leistungsdruck, sowie daraus resultierende Zukunftsängste
  • mangelnde Kommunikation und Integration im Elternhaus beziehungsweise im sozialen Umfeld
  • Vereinsamung, Entwurzelung oder Isolation
  • Versager- oder Einzelgängerschicksale
  • Konflikte mit nahestehenden Personen
  • intensive Gewaltphantasien
  • Kompensation von erfahrenen Kränkungen oder Minderwertigkeitsgefühlen durch extreme Handlungen
  • die Nachahmung ähnlicher, vorangegangener Taten
  • das Bedürfnis nach Erregen von Aufmerksamkeit
  • fehlende Kontrolle über das eigene Leben soll durch Macht über andere kompensiert werden
Warum wird von den Tätern gerade ihre (ehemalige) Schule ausgewählt? Weil sie der Ort sei, "wo sie ihre größte Kränkung erlitten haben. Hier wollen sie die fehlende Kontrolle wieder herstellen, indem sie die Kontrolle haben darüber, wer leben und wer sterben soll", sagte der Diplom-Kriminologe Frank Robertz gegenüber dem "Tagesanzeiger". Robertz führt europaweit Fortbildungen zur Prävention und Intervention gegen Schulgewalt durch. Er beschreibt die Täter als "eher introvertierte Jugendliche, die soziale Brüche und Verlusterfahrungen erleben mussten und sehr empfindlich auf diese Ereignisse reagiert haben."

Individuelle Hilfe

Laut dem Kriminologen, der nach eigener Aussage jahrelang mit auffälligen und straffällig gewordenen Kindern und Jugendlichen gearbeitet hat, komme es darauf an, "die Warnsignale zu erkennen und den Jugendlichen dann auf dreifache Weise zu begegnen." Weitere Informationen müssten gesammelt und Normen des Zusammenlebens verdeutlicht werden.

"Vor allem aber muss den Jugendlichen klargemacht werden, dass ihre im Vorfeld subjektiv unlösbar erscheinenden Probleme nicht unlösbar sind", erklärt Robertz: "Sie müssen begreifen, dass ihnen von diesem Zeitpunkt an Erwachsene zur Seite stehen - nicht um zu strafen, sondern um auch Hinweise zu geben auf die Lösung der immer gleichen Kernprobleme".

Dazu müsse auch die Schule ein Ort werden, "wo man gerne hingeht und Beziehungen aufbauen kann." Es sei wichtig, "gefährdete Jugendliche rechtzeitig zu erkennen und für ein Umfeld zu sorgen, in welchem diese Gefahren gar nicht erst entstehen." Die Schule könne "soziales Lernen propagieren" und den Jugendlichen zeigen, "wo sie – auch abseits der Schulnoten – Anerkennung finden."

Schule sondert Kinder aus

Daraus ergibt sich die Frage, wer das leisten soll. Lehrer, die Klassen mit 25 bis 30 Schülern unterrichten müssen, können das nicht bewältigen. Auch an anderem qualifizierten Personal mangelt es: Bundesweit kommen auf einen Schulpsychologen etwa 16.500 Schülerinnen und Schüler.

Mit mehr Personal allein ist es jedoch nicht getan. An der betroffenen Schule in Winnenden gab es eine Sozialarbeiterin. Um Konflikte frühzeitig zu erkennen und zu schlichten, sind auch einige Schüler zu speziellen Schlichtern, so genannten Mediatoren ausgebildet worden. Tims Probleme wurden trotzdem nicht erkannt.

Damit gerne gelernt wird, müsste sich viel mehr ändern. Die Anforderungen, die von der Winnender Schule gestellt werden, sind von den Medien als "hoch" beschrieben worden: eine verharmlosende Beschreibung für Leistungsdruck. Dafür kann die Schule nichts, denn Druck und Auslese sind Kennzeichen des gesamten Bildungssystems. Nach dem Schulmassaker in Emsdetten vor knapp drei Jahren stellte der Hannoveraner Erziehungswissenschaftler Wolfgang Bergmann gegenüber der "Zeit" fest: „Die deutsche Schulkultur sondert Kinder mit bürokratischer Kälte aus.“ Das trifft den Nagel auf den Kopf. Denn schon im Alter von zehn Jahren werden Kinder auf die verschiedenen Schultypen verteilt. Damit wird oft über ihr ganzes weiteres Leben entschieden. Chancen auf einen guten Arbeitsplatz hat meist, wer aufs Gymnasium kommt. Hauptschüler stehen von vornherein auf der Verliererseite.

Sebastian B., der Amokläufer von Emsdetten, musste nach der Realschule als Mini-Jobber in einem Baumarkt arbeiten.

Wer in Deutschland eine gute Bildung haben will, sollte über gut verdienende Eltern verfügen: Schüler aus wohlhabenderen Familien haben eine viermal höhere Chance, das Gymnasium zu besuchen und Abitur zu machen. Das ging aus der zweiten Pisa-Studie hervor, die international die Leistungen von Schülern misst. Im Vergleich zu anderen Ländern haben es in Deutschland Kinder aus sozial schwächeren Elternhäusern besonders schwer, haben die Pisa-Forscher festgestellt.

Jung und arbeitslos

Wer die Schule hinter sich hat, steht vor einem zweiten Problem: einen Ausbildungsplatz zu finden. Auf drei erwerbstätige Jugendliche kommt mindestens einer, der auf Arbeitslosengeld I oder Hartz IV angewiesen ist. Das sind insgesamt 1,2 Millionen junge Menschen. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie "Arbeitsmarkt aktuell - Jugendarbeitslosigkeit wird unterschätzt" des deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB).

Und wer aus der Arbeitslosigkeit herauskommt, wechselt laut Studie vermehrt nur in eine prekäre Beschäftigung oder Maßnahme der Arbeitsagentur - Jugendliche wesentlich öfter als Ältere. Im Berufsleben sind befristete Verträge und niedrige Einkommen für einen großen Teil junger Menschen Alltag.

Nach der Berufsausbildung erfolgt für die Mehrheit junger Arbeitnehmer keineswegs eine Übernahme durch die ausbildende Firma. 69 Prozent müssen sich anderweitig umsehen. Für 31 Prozent der Ausgebildeten gestaltet sich der Übergang sogar sehr schwierig: Jeder dritte Jugendliche gelangt laut Studie "erst auf Umwegen mehrerer atypischer Beschäftigungsverhältnisse wie Praktika, befristete Beschäftigung usw. in ein Vollzeitarbeitsverhältnis."

"Killerspiel" Afghanistan

"Wir müssen alles tun, um zu schauen, dass Kinder nicht an Waffen kommen, dass ihnen auch sicherlich nicht zu viel Gewalt zugemutet wird", sagte Kanzlerin Merkel am Sonntag im Deutschlandfunk und schlug die Sperrung gewaltverherrlichender Internetseiten vor. Wenn es ihr mit dem Schutz von Kindern ernst wäre, dann müsste sie zuerst ans "real life" denken: zum Beispiel an die Gewalt verharmlosenden Werbeauftritte der Bundeswehr in Schulen.

In Zeiten hoher Arbeitslosigkeit nutzt der Staat die Verunsicherung von jungen Menschen, um sie als Berufssoldaten zu rekrutieren. Eine solche "Karriere" kann schnell darin enden, in anderen Teilen der Welt Menschen zu töten oder selbst getötet zu werden. Der Bundeswehreinsatz in Afghanistan ist das ganz reale "Killerspiel" der Bundesregierung. .

Menschen bleiben auf der Strecke

Es ist kein Zufall, dass die Zahl der Amokläufe zugenommen hat. Der von Neoliberalen beschleunigte Sozialabbau hat öffentliche soziale Netzwerke zerstört und den sozialen Zusammenhalt im Privaten untergraben. Gesellschaftliche Entwicklungen setzen sich zwar nicht eins zu eins in individuelles Verhalten um, aber es gibt einen Zusammenhang.

Es bedarf keiner virtuellen "Ballerspiele", um Brutalität in die Köpfe von Jugendlichen zu pflanzen. Dafür sorgt der "real existierende" Kapitalismus mit seiner gewalttätig ausgetragenen internationalen Konkurrenz um Märkte, Rohstoffe und Macht.

Wo sich Politik und Unternehmen aus ihrer sozialen Verantwortung verabschieden, wo Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert werden, bleiben Menschen auf der Strecke - nicht nur ökonomisch, sondern auch emotional. Das schafft Raum für Egoismus und Hass, der sich gegen andere entlädt.

Entschuldigt oder relativiert sind die brutalen Morde, die Tim K. und andere begangen haben, damit nicht. Es geht darum, sich nicht mit einem Gesellschaftssystem abzufinden, das Kinder und Jugendliche in Perspektivlosigkeit und Isolation treibt.
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